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Jane Gardam – Gute Ratschläge | Buchkritik

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Diese Eliza Peabody muss wirklich der Schrecken der Nachbarschaft sein, mit den von ihr verteilten Briefchen voller guter Ratschläge – oder dem, was sie dafür hält. „Liebe Joan, ich hoffe, wir kennen uns gut genug, dass ich das sagen darf. Ich finde, du solltest versuchen, das mit deinem Bein zu vergessen. Ich glaube, es ist etwas Psychologisches, Psychosomatisches, und Charles nimmt es furchtbar schwer. Es macht sowohl ihn als auch dich zum Gespött und ihr ruiniert euch euer Leben. Bitte gib dir mal einen ordentlichen Ruck, ja?“ Kein Wunder, dass Joan von gegenüber, Elizas vermeintliche Freundin, einfach nicht antwortet. Stattdessen muss Eliza kurz nach ihrem ersten Brief erfahren, dass Joan sich tatsächlich einen Ruck gegeben und ihren Ehemann Charles sowie die beiden fast erwachsenen Kinder verlassen hat, in Richtung irgendwelcher exotischer Gegenden.

Wohlgesetzte Seitenhiebe auf die britische Mittelschicht

Eliza aber schreibt unverdrossen immer längere Briefe an die ferne, stumme „liebe Joan“. Briefe voller kleiner Erlebnisse einer Hausfrau Anfang fünfzig, origineller Beobachtungen aus einem nicht allzu aufregenden Alltag in einer wohlanständigen Wohngegend südlich von London, voller wohlgesetzter Seitenhiebe auf das Leben der gehobenen Mittelschicht. Zumal aufs Leben der Gattinnen, die ihre Zeit mit löblichen Dingen wie der Gärtnerei, der Vermittlung von Babys ungewollt schwangerer Mädchen, dem Schreiben von Kinderbüchern oder dem Besuch von Ehefrauen-Clubs, feministischen Arbeitsgruppen und Literaturzirkeln zubringen. Die einzige Figur, die ihr Geld selbst verdient, ist bezeichnenderweise eine Englischlehrerin, die die Literatur hasst. Eliza selbst „arbeitet“, wie sie sagt, „mit Sterbenden“. Was tatsächlich bedeutet, dass sie im nahegelegenen Hospiz die Spülmaschine einräumt und den Sterbenden ihre guten Ratschläge erteilt. Berufstätigkeit hingegen ist in diesen Kreisen eine Sache der Ehemänner.

Die Männer sitzen im Herrenclub, die Frauen sind ihnen treu ergeben

Von Männern wie Elizas Mann Henry und Joans Charles. Diese beiden teilen mehr als die gehobene Beamtenposition im Außenministerium, mehr als ihren Platz in der guten alten Männerwelt, wie der Briefschreiberin Eliza irgendwann aufgeht: „Deswegen gibt es diesen Typ Engländer noch, und deswegen ist er so rundum zufrieden, sitzt indifferent in seinem Londoner Herrenclub, denn immer, wenn sein Blick auf die anderen indifferenten Gestalten in ihren tiefen Armsesseln fällt, schaut er in den Spiegel. [...] Und irgendwo in den Köpfen der sinnierenden Mitglieder gibt es eine treu ergebene, müßige Frau, eine FRAU eben, Gehilfin, Versatzstück, Anhängsel, Mutterersatz. Alle würden es abstreiten, aber es ist wahr, und erst heute ist es mir aufgegangen.“ Jane Gardams Roman „Gute Ratschläge“ ist im Original 1992 erschienen und spielt in den unmittelbar vorangegangenen Jahren, während der Zeit der dritten Regierung Thatcher, der Privatisierungen, der Zeit der Wende auf dem europäischen Kontinent. Diese Verwerfungen flackern jedoch nur am Rande des Blickfelds, denn in dieser Welt ist ja scheinbar für immer alles beim Alten, auch wenn die jüngere Generation durch modische Extravaganzen auffällt.

Unter der Gesellschaftssatire liegen Trauma und Trauer

„Viktorianisch“ ist ein Stichwort, das mehrfach aufgerufen wird. Womit gemeint ist: Verdrängung. Unter der Oberfläche einer oft schreiend komischen, zunehmend absurden Gesellschaftssatire rumoren nämlich Trauma, Trauer und Tabu. Eliza mit ihrer exzentrischen Penetranz entpuppt sich einerseits als denkbar unzuverlässige Erzählerin voller krasser Hirngespinste, andererseits als Frau, deren tiefer Schmerz allzu lange keinen Platz einnehmen durfte: nicht in ihrer Selbstwahrnehmung, nicht in ihrer Ehe, nicht in der ihr zugedachten gesellschaftlichen Rolle der munteren und effektiven Diplomatengattin in Kairo, Washington, Damaskus, Bangkok, die nun allein in der Londoner Rathbone Road sitzt und langsam durchdreht. „Unberührt. Ich bin unberührt geblieben von alldem. Oder womöglich angerührt. Es ist mir abhandengekommen. So komplett wie mein früheres sinnliches Leben, denn ich kann mich an das Prickeln von Sex genauso wenig erinnern wie an die Arme meiner Mutter, die Stimme meiner Mutter. Es ist alles weg.“ Die Weise, wie dieser Schmerz um zwei große Verluste sich schließlich herausarbeitet ans Licht der Welt, hat etwas von einer schweren Geburt, und Elizas Wahnideen fungieren dabei als Wehen.

Ein Briefroman voller pointierter Dialoge

Es geht um Konzepte von Weiblichkeit, von Mütterlichkeit, um verfälschte Erinnerungen und ganz grundsätzlich um die Frage, wie Menschen sich Unerträgliches erträglich machen. Die Konstruktion des Briefromans hält Jane Gardam nicht davon ab, ausführliche Schilderungen mit pointierten Dialogen zu verbinden. Dabei arbeitet sie mit Leitmotiven wie den Glöckchen des Tamburins, das schon im Originaltitel des Buchs, „Queen of the Tambourine“, angeschlagen wird, oder leise gruseligen Schildkröten, deren Sinn sich erst gegen Ende des Buchs enthüllt. Da ist Eliza Peabody endlich so weit, dem an Aids sterbenden Barry, einem Jungen Anfang zwanzig, der ihr Sohn sein könnte, zu erzählen, was ihr vor zwanzig Jahren zugestoßen ist. Auch der zwischenzeitlich abgängige Gatte Henry kehrt zurück. Und nicht zuletzt scheint Eliza Peabody eine Aufgabe zu finden, die mit guten Ratschlägen nichts zu tun hat. Sofern wir ihr das glauben dürfen ...
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Diese Eliza Peabody muss wirklich der Schrecken der Nachbarschaft sein, mit den von ihr verteilten Briefchen voller guter Ratschläge – oder dem, was sie dafür hält. „Liebe Joan, ich hoffe, wir kennen uns gut genug, dass ich das sagen darf. Ich finde, du solltest versuchen, das mit deinem Bein zu vergessen. Ich glaube, es ist etwas Psychologisches, Psychosomatisches, und Charles nimmt es furchtbar schwer. Es macht sowohl ihn als auch dich zum Gespött und ihr ruiniert euch euer Leben. Bitte gib dir mal einen ordentlichen Ruck, ja?“ Kein Wunder, dass Joan von gegenüber, Elizas vermeintliche Freundin, einfach nicht antwortet. Stattdessen muss Eliza kurz nach ihrem ersten Brief erfahren, dass Joan sich tatsächlich einen Ruck gegeben und ihren Ehemann Charles sowie die beiden fast erwachsenen Kinder verlassen hat, in Richtung irgendwelcher exotischer Gegenden.

Wohlgesetzte Seitenhiebe auf die britische Mittelschicht

Eliza aber schreibt unverdrossen immer längere Briefe an die ferne, stumme „liebe Joan“. Briefe voller kleiner Erlebnisse einer Hausfrau Anfang fünfzig, origineller Beobachtungen aus einem nicht allzu aufregenden Alltag in einer wohlanständigen Wohngegend südlich von London, voller wohlgesetzter Seitenhiebe auf das Leben der gehobenen Mittelschicht. Zumal aufs Leben der Gattinnen, die ihre Zeit mit löblichen Dingen wie der Gärtnerei, der Vermittlung von Babys ungewollt schwangerer Mädchen, dem Schreiben von Kinderbüchern oder dem Besuch von Ehefrauen-Clubs, feministischen Arbeitsgruppen und Literaturzirkeln zubringen. Die einzige Figur, die ihr Geld selbst verdient, ist bezeichnenderweise eine Englischlehrerin, die die Literatur hasst. Eliza selbst „arbeitet“, wie sie sagt, „mit Sterbenden“. Was tatsächlich bedeutet, dass sie im nahegelegenen Hospiz die Spülmaschine einräumt und den Sterbenden ihre guten Ratschläge erteilt. Berufstätigkeit hingegen ist in diesen Kreisen eine Sache der Ehemänner.

Die Männer sitzen im Herrenclub, die Frauen sind ihnen treu ergeben

Von Männern wie Elizas Mann Henry und Joans Charles. Diese beiden teilen mehr als die gehobene Beamtenposition im Außenministerium, mehr als ihren Platz in der guten alten Männerwelt, wie der Briefschreiberin Eliza irgendwann aufgeht: „Deswegen gibt es diesen Typ Engländer noch, und deswegen ist er so rundum zufrieden, sitzt indifferent in seinem Londoner Herrenclub, denn immer, wenn sein Blick auf die anderen indifferenten Gestalten in ihren tiefen Armsesseln fällt, schaut er in den Spiegel. [...] Und irgendwo in den Köpfen der sinnierenden Mitglieder gibt es eine treu ergebene, müßige Frau, eine FRAU eben, Gehilfin, Versatzstück, Anhängsel, Mutterersatz. Alle würden es abstreiten, aber es ist wahr, und erst heute ist es mir aufgegangen.“ Jane Gardams Roman „Gute Ratschläge“ ist im Original 1992 erschienen und spielt in den unmittelbar vorangegangenen Jahren, während der Zeit der dritten Regierung Thatcher, der Privatisierungen, der Zeit der Wende auf dem europäischen Kontinent. Diese Verwerfungen flackern jedoch nur am Rande des Blickfelds, denn in dieser Welt ist ja scheinbar für immer alles beim Alten, auch wenn die jüngere Generation durch modische Extravaganzen auffällt.

Unter der Gesellschaftssatire liegen Trauma und Trauer

„Viktorianisch“ ist ein Stichwort, das mehrfach aufgerufen wird. Womit gemeint ist: Verdrängung. Unter der Oberfläche einer oft schreiend komischen, zunehmend absurden Gesellschaftssatire rumoren nämlich Trauma, Trauer und Tabu. Eliza mit ihrer exzentrischen Penetranz entpuppt sich einerseits als denkbar unzuverlässige Erzählerin voller krasser Hirngespinste, andererseits als Frau, deren tiefer Schmerz allzu lange keinen Platz einnehmen durfte: nicht in ihrer Selbstwahrnehmung, nicht in ihrer Ehe, nicht in der ihr zugedachten gesellschaftlichen Rolle der munteren und effektiven Diplomatengattin in Kairo, Washington, Damaskus, Bangkok, die nun allein in der Londoner Rathbone Road sitzt und langsam durchdreht. „Unberührt. Ich bin unberührt geblieben von alldem. Oder womöglich angerührt. Es ist mir abhandengekommen. So komplett wie mein früheres sinnliches Leben, denn ich kann mich an das Prickeln von Sex genauso wenig erinnern wie an die Arme meiner Mutter, die Stimme meiner Mutter. Es ist alles weg.“ Die Weise, wie dieser Schmerz um zwei große Verluste sich schließlich herausarbeitet ans Licht der Welt, hat etwas von einer schweren Geburt, und Elizas Wahnideen fungieren dabei als Wehen.

Ein Briefroman voller pointierter Dialoge

Es geht um Konzepte von Weiblichkeit, von Mütterlichkeit, um verfälschte Erinnerungen und ganz grundsätzlich um die Frage, wie Menschen sich Unerträgliches erträglich machen. Die Konstruktion des Briefromans hält Jane Gardam nicht davon ab, ausführliche Schilderungen mit pointierten Dialogen zu verbinden. Dabei arbeitet sie mit Leitmotiven wie den Glöckchen des Tamburins, das schon im Originaltitel des Buchs, „Queen of the Tambourine“, angeschlagen wird, oder leise gruseligen Schildkröten, deren Sinn sich erst gegen Ende des Buchs enthüllt. Da ist Eliza Peabody endlich so weit, dem an Aids sterbenden Barry, einem Jungen Anfang zwanzig, der ihr Sohn sein könnte, zu erzählen, was ihr vor zwanzig Jahren zugestoßen ist. Auch der zwischenzeitlich abgängige Gatte Henry kehrt zurück. Und nicht zuletzt scheint Eliza Peabody eine Aufgabe zu finden, die mit guten Ratschlägen nichts zu tun hat. Sofern wir ihr das glauben dürfen ...
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